Geistig top oder flop im Alter?

14.12.2018

Wie schon die alten Römer sagten: Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Solange damit unsere dynamische Anpassungsfähigkeit, unsere Flexibilität und Lernbereitschaft angesprochen sind, ist dagegen nichts anzuwenden. 

Fakt ist aber, dass unsere geistige Spannkraft über die Zeit auch abnehmen kann, sodass wir den Anforderungen des Alltags je länger desto weniger gewachsen sind. Ein solcher geistiger Abbauprozess wird auch als demenzielle Entwicklung bezeichnet und bedeutet für die Betroffenen in jedem Fall eine persönliche Tragödie, zumal eine solche Einbusse an kognitiven Fähigkeiten unausweichlich eine Zunahme der Abhängigkeit bedeutet. Unter diesen Umständen interessiert natürlich die Frage, welche Faktoren darüber entscheiden, ob uns im Herbst des Lebens ein solches Schicksal ereilt oder nicht.

Zum Stand der Erkenntnis ist Folgendes bekannt: Ungefähr ein Drittel der demenzfördernden Faktoren ist beeinflussbar, zwei Drittel sind es nicht (zum Beispiel das Alter oder eine allfällige genetische Belastung). Es bleiben aber immer noch die folgenden Risikofaktoren, denen wir prinzipiell entgegenwirken können, was uns doch eine erhebliche Kontrolle dieses Prozesses an die Hand gibt. Bluthochdruck: Kann nach unten korrigiert werden. Blutzucker: Kann korrekt eingestellt werden. Körpergewicht: Normalisieren. Rauchen: Schnellstmöglich stoppen. Isolation: Sprengen. Mangelhafte Schulbildung: Muss früh bedacht werden. Schwerhörigkeit: Dieser letzte Faktor ist von besonderer Bedeutung, da er im Einzelfall das Demenzrisiko verdoppelt. Es wurde errechnet, dass ein Hörverlust von 20 Dezibel das Risiko um einen Faktor 2,7 steigert. Mittlerweile wurde auch ermittelt, dass ein knappes Drittel der 55-Jährigen zumindest leichte Hörminderungen aufweist. Somit lohnen sich frühzeitige Abklärungen und gegebenenfalls eine eiserne Tragedisziplin bezüglich des Hörgerätes – muss man doch leider zur Kenntnis nehmen, dass drei Viertel ihr Hörgerät gar nicht tragen.

Aber: Nur das sozial stimulierte Gehirn überlebt. Wird es von den akustischen Informationen abgeschnitten, schrumpft erst die Hörrinde, dann der Schläfenlappen und schliesslich das gesamte Gehirn. Hier kann die Audiologie für einmal mehr als die Psychotherapie. Hilfreich sind aber auch Aktivitäten mit Multitasking-Charakter wie Tanzen, Musizieren, leichte sportliche Übungen. Also: Geistige Gesundheit im Alter ist ein Stück weit machbar, aber das Machen muss rechtzeitig beginnen. 

Dr. med. Thomas Knecht, Forensische Psychiatrie - Psychiatrisches Zentrum Appenzell (Ausserrhoden in Herisau, Schweiz)

Quelle: Thurgauer Zeitung


Diese Webseite verwendet Cookies

Wir und unsere Partner verwenden Cookies, um unsere Dienste zu erbringen und Ihnen Werbung entsprechend Ihrer Interessen anzuzeigen. Durch die Nutzung unserer Internetseite stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu.